genius loci, 2024

W E T T B E W E R B K U N S T A M B A U
J U S T U S – V O N – L I E B I G – G Y M N A S I U M N E U S Ä ß
C H R I S T I N E G R Ä P E R 18324
2. RANG

Konzeption

Mein Wettbewerbsbeitrag für die östliche Wand der Mensa des Justus von Liebig- Gymnasiums und der umliegenden Schulen trägt den Titel genius loci und ist als UV-Digitalprint geplant.

Die Gesamtlänge der Wand beträgt 19 m, die Höhe ca. 3,40 m, mit senkrechten Teilungen von je etwa einem Meter.Die Farben meiner Arbeit, Schwarz, Weiß, Grau und zarte Interferenzfarben auf glatter Oberfläche kontrastieren mit der fein strukturierten Haptik des Gebäudes.

Justus von Liebig
„Du bist ein Schafskopf! Liebig, dein Latein reicht gerade aus zum Apotheker…“, in den Augen seines Konrektors war Justus von Liebig kein guter Schüler. Der Namensgeber des Gymnasiums entwickelte jedoch sehr früh eine Leidenschaft für das Fach Chemie. Er begann schon als Jugendlicher mit eigenen Experimenten. Doch es fand nicht nur seine Schulzeit am Pädagogium in Darmstadt ein vorzeitiges Ende, von Liebig verlor nach einem Dachstuhlbrand, verursacht durch sein Experiment mit Knallquecksilber, auch seine Lehrstelle als Apotheker.Doch trotz der Beurteilung seines Konrektors hielt der so Gescholtene an seinen Hirngespinsten, den Flausen im Kopf, seinen Ideen fest.

Als Autodidakt betrieb er das Selbststudium der Chemie, wurde anschließend zum Studium zunächst in Bonn und später in Erlangen zugelassen. Er setzte seinen Werdegang an der Sorbonne in Paris fort, wurde abschließend an der Universität Erlangen erfolgreich promoviert, und mit 21 Jahren außerordentlicher Professor in Gießen.
Idee
Dabei war wohl gerade die gescholtene Knallgasquecksilberexplosion jene Initialzündung, die Liebigs Forschungs- und Innovationswillen samt aller nötigen Prozesse in Gang setzte.

Jeder kreative Prozess ist zunächst immer nur Idee, jede Wissenschaft denkt in ihren eigenen Blasen. Mithilfe der von ihm entwickelten Elementaranalyse erforschte Justus von Liebig grundlegende Zusammenhänge von biochemischen Verbindungen, er brachte ..“unsichtbare Gedanken vor Augen..“, so äußerte er sich selbst zur Vorgehensweise des Chemikers. Meine Projektion besteht aus sichtbar gemachten Abdrücken von Seifenblasen.
Eine Seifenblase besteht aus einem dünnen Film Seifenwasser, der eine gewisse Menge Luft einschließt und eine hohle Kugelform bildet, diese löst komplexe räumliche Probleme in der Mathematik, da sie jederzeit die kleinste Oberfläche zwischen Punkten und Kanten bildet.

Wegen ihrer schnellen Vergänglichkeit wurde die Seifenblase zur gängigen Metapher für etwas, das zwar anziehend, aber völlig gehaltlos ist und wird in Sprichwörtern häufig mit einem negativen Unterton versehen. Dabei ist gerade dieses zartes Gebilde Metapher für neue Visionen und viel belastbarer als gemeinhin angenommen. Eines der besten Beispiele dafür finden wir in einem berühmten Exemplar einer in Bayern beheimateten Architektur.

Seifenblasen waren ein zuverlässiges Mittel zur Bestimmung der optimalen Form einer bestimmten Dachkonstruktion. Dazu wird ein aus Draht gebauter Rahmen entworfen und in Seifenwasser getaucht. Beim vorsichtigen Herausziehen ergeben sich Kurvenverläufe, die als das experimentell gefundene Optimum der Form gelten.
Diese Methodik fand bei Entwurf und Entwicklung des Olympiastadions in München Anwendung und jenes ist in seinem utopischen Erscheinungsbild auch ein wunderbares Beispiel für den metaphorischen Gehalt der Seifenblase: Ein wahrgewordener Traum, Utopie im besten Sinne als Richtungsgeber auf dem Weg zu etwas Neuem, noch nie dagewesenem.

Kann es eine schönere Metapher für das geben, was Schule unseren Kindern vermitteln will? Gleichzeitig hat die Seifenblase etwas mit Liebigs Fleischextrakt als Beitrag zur Besserung der Lebenssituation armer Familien gemein. Seit mehreren hundert Jahren ist sie immer auch Spielzeug armer Kinder gewesen und nicht zuletzt ein Sinnbild für Zukunftsträume und Hoffnungen.
Auch jede der Seifenblasen-Abdrucke steht als Metapher für Idee, Erfindergeist, Vision und Utopie. Wo könnten all diese Leitmotive besser zur Geltung kommen als in der Schule?

Justus von Liebig war kein erfolgreicher Schüler, seine Schullaufbahn ist mit vielen Schülerbiografien vergleichbar, nicht alle gelingen wie geplant. Gerade deshalb ist es besonders ermutigend, dass er der Vision vom lebenslangen Lernen zutiefst verpflichtet war: „Das Geheimnis aller Erfinder ist, nichts für unmöglich zu halten.“ Zeitlebens blieb Justus von Liebig seinen Ideen und Visionen treu, sein Lebenslauf schreibt eine Geschichte von Selbstermächtigung und Hoffnung.

Meine Projektion steht für diesen Geist Justus von Liebigs, sie soll Schülerinnen und Schüler ermutigen, an ihren Ideen und Träumen festzuhalten, an sie zu glauben und ihnen zu folgen.

Sie ist auch Referenz an die Idee der modularen Holzsystembauweise dieses sanierten Gymnasiums. Eine Idee, die Bestehendes bewahrt, sich multipliziert, der Schulfamilie Räume für Visionen eröffnet,
und diesen innovativen Lernort prägt.

Christine Gräper – Bildhauerin – Zechenstraße 14 – 86971 Peiting – Tel. 08861/680004 – info@bildhauerei-graeper.deDatenschutzerklärungImpressum